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Wiener Mode

Wiener Mode – vom Wiener Kongress, der ersten Wiener Modemesse und dem Neuen Wiener Kleid!

Pariser Chic und Wiener Mode in einem Atemzug zu nennen, konnte im 17. Jahrhundert sprichwörtlich ins Auge gehen, denn man hatte
beschlossen, „Los von Paris!“ Was steckte aber hinter dieser patriotischen Ansage? Es war die Schrift Hörnigks „Österreich über alles, wenn es nur will“, die auch der Wiener Mode den Weg bereitete und französischen Geschmacksdoktrinen eine Abfuhr erteilte.

„Los von Paris“ versinnbildlichte zu damaliger Zeit die kulturelle Emanzipation. Nun besaß das frühe Österreich ja ein fortschrittliches Kaiserpaar, Maria Theresia und Joseph II., die das heimische Gewerbe nach Leibeskräften unterstützten. Im Gegenzug erließen sie äußerst strenge Verbote gegen die vermeintliche „Ausländerwar“. Selbst in der eigenen Familie ging es damals wahrscheinlich auch nicht immer einträchtig zu, denn Maria Theresia hatte eine modeversessene Tochter, Marie Antoinette.

Marie Antoinette im MusselinkleidMarie Antoinette, die Gemahlin Ludwigs XVI. am französischen Hof, wurde von ihrer Mutter oft gebetsmühlenartig an die aristokratische und würdevolle Schlichtheit des Wiener Hofes erinnert.

Maria Theresia war so, sicher unbeabsichtigt, schon trendweisend, denn spätestens nach der Jahrhundertwende war er unübersehbar, der Trend, der allen übertriebenen Modetorheiten den Garaus bereitete. Frau & Mann hielten damals Maß in Form und Zierat, und es wurde außerordentlich geschickt verstanden, eventuelle Extreme auszugleichen.

Ein Kongress als Modemacher?

Der Wiener schaffte es! Schon die Jahre vor dem Wiener Kongress hatten es in sich, denn das Wiener Modegewerbe entwickelte sich enorm und stand letztendlich auf gesunden wirtschaftlichen Füßen.

Ende des 18. Jahrhunderts konnte Wien auf ca. 29 Seidenzeug- und 19 Bandwarenmanufakturen verweisen. Einige Jahre später, waren es schon insgesamt 100. Es war dem Fleiß und Geschick der Wiener Seidenerzeuger zu verdanken, dass sie in diesen Jahren mit einer Sonderstellung auf dem Weltmarkt auftrumpfen konnten.

Die erfolgreichen Weichen für eine große Expansion und den Export Wiener Schneiderarbeiten, die aus heimischen Stoffen hergestellt wurden, waren gestellt. Was aber fehlte, war der große gesellschaftliche Anlass. Die Wiener, von jeher ein pfiffiges Völkchen, fanden ihn im Wiener Kongress, der wie gerufen kam. Fortan agierte der Wiener Kongress als erfolgreicher Modemacher!

…und was gab es nicht alles zu schneidern?

Biedermeier Mode 1Die unzähligen Fremden, die Wien besuchten, galten als lebendige Inspirationsquellen, denn sie brachten frischen Wind mit ihren Trachten und mannigfaltigen Lebensgewohnheiten, so dass auch bald die Auftragsbücher überquollen. In diesem Zusammenhang traf es besonders die Uniformschneider, die sich einem wahren Boom gegenübersahen.

Dieser bescherte ihnen aber auch ein rasches und präzises Arbeiten sowie eine Verfeinerung ihres handwerklichen Könnens. Denn die fremdländische Kundschaft war auch besonders anspruchsvoll. Mit ihrer Arbeit legten sie aber auch den Grundstein für eine spätere internationale Anerkennung, die in der Biedermeierzeit schon mal ihren Zenit erreichte.

An der Wienerin jedoch, ging dieser Kelch vorbei, denn sie legte keinen gesteigerten Wert darauf, die europäische Mode zu revolutionieren. Stattdessen nahm sie mit dem vorlieb, was ihr gefiel. Das Gegebene wurde in kleinen Schritten variiert und die internationalen Journale waren begeistert! Denn ein Wiener Mantel mit schräggestellten Verschlussschlaufen stellt das Nonplusultra dar.

Und es sollte noch besser kommen, denn dem Wiener Hutmacher Johann Langer gelingt ein unglaubliches Kunststück. Er schafft es mit seinen neuen niederen Hüten die bisher tonangebenden hohen pariserischen Modelle vom Markt zu verdrängen.

Ein paar Sommer und Winter gingen ins Land, Napoleon zog es vor, von Elba zu flüchten und auch die Feste des Wiener Kongresses verrauschten im Blätterwald. Dennoch blieben die bunten Bilder in der Erinnerung zurück und wurden nicht dem Verblassen überlassen. Das ist in erster Linie ein paar klugen Männern zu verdanken, die der Wiener Mode geschäftig ein Sprachrohr verschafften. „Die Wiener Modenzeitung und Zeitschrift für Kunst, schöne Literatur und Theater“ wurde ins Leben gerufen.

Wiener Charme mit Geschäftssinn

Wiener Zeitschrift 1817 07 02 - TitelSeit 1816 machte sich Johann Schickh als Herausgeber unentbehrlich, und als erster Redakteur agierte Bernard, sagen wir mal, ein Freund des Herausgebers, denn leider ist seine gesellschaftliche Stellung nicht weiter definiert. Vielleicht hat es sich aber auch um Bernhard, den Markgrafen von Kärnthen, gehandelt, der bei einem Kreuzzug in treuen Freundesarmen, leider kinderlos, verschied. Wir wissen es heute leider nicht!

Aber die Zwei blieben nicht lange alleine, denn der bekannte Theaterkritiker und Publizist Hebenstreit gesellte sich zu ihnen und besetzte fortan die Stelle als Mitredakteur und späterer Herausgeber. Als Redaktionsbüro wählten die drei unerschrockenen Vorkämpfer sinnigerweise die Modenwarenhandlung „Zu den drey Grazien“.

Nun wurden Künstler kontaktiert, und alles, was Rang und Namen hatte, wurde für das Journal gewonnen. Als einer der Ersten beteiligte sich Johann Ender und wurde somit zu Wiens erstem Modezeichner.

Gemeinsam mit Fritz Stöber, der die Zeichnungen Enders mit feinstem Stichel kunstvoll in die Kupferplatten ritzte, entstand so ein Blatt, das die gebildete Wienerin beim „Auge Gottes“ auf dem Petersplatz holen lassen konnte.

Übrigens galten die Modekupfer der Wiener Modezeitung zu damaliger Zeit als die schönsten in ganz Europa. So dauerte es auch nicht lange, dass die Wiener Mode mittels ihres hervorragenden Wiener Blattes schon bald eine exponierte Stellung innerhalb der europäischen Modewelt einnahm.

Wien stand der Sinn nicht danach, mit Paris in einen Konkurrenzkampf zu treten. Ganz wienerisch, wählte man, wog ab, glich auch so manches Mal aus, um dann letztendlich dem sicheren Instinkt zu folgen. Man besann sich auf das natürlich Gewachsene und zog es geschickt der modischen Eintagsfliege vor. Was herauskam, war der „Goldene Mittelweg“, allem Auffallenden der französischen Modeschöpfer sollte das Zweckmäßige und Schöne der Wiener Entwürfe entgegenstehen.

Anton Martin Woman infront a Gobelin 1840Dabei spielt das Jahr 1816 eine große Rolle, denn damals war es selbst der verwöhntesten Dame möglich, einer, die ihre Toilette beim angesagten Gottfried Röhberg anfertigen ließ, explizit mit inländischen Materialien ihre ausgefallenen & hippen Modewünsche erfüllen zu lassen. Alles was das Frauenherz schneller schlagen ließ, war vorhanden. Dabei standen besonders alle nur erdenklichen exquisiten Stoffe, Gewebe, Dessins, Spitzen und Bänder im Fokus.

En vogue waren aber auch die schlauen Köpfe dieser Zeit, die Erfinder und Weltverbesserer. Christian Georg Hornbostel zum Beispiel sorgte sich um die Erzeugung von Crêpe de Chine und führte diesen im Jahre 1822 kurzerhand ein.

Georg Griller, ein weiterer Visionär seiner Zeit, begeisterte sich für die sogenannte „Federplüsche“ und ein Carl Damm erfand einen gefältelten Taffet, der zudem noch elastisch und gestreift war und unter dem heutigen Namen „Taft“ in der Damenwelt in aller Munde ist. Last but not least sorgte Josef von Saurimont noch für das „Wiener wasserdichte Leder“, eine Erfindung, die ihm viel Beachtung einbrachte.

Chemisetten & Marienkleider

Chemisettes godeys Apr1850Es war so um das Jahr 1827 als die Wiener um eine weitere damalige Modetorheit reicher wurden, die ihren fulminanten Siegeszug um die Welt antreten sollte. Die „Chemisetten“ waren geboren, jene zierlichen Leibchen, die aus einem Stück gefertigt wurden. Noch heute ist man davon überzeugt, dass es sich dabei um die Urform der Wiener Bluse handelt.

Und die Wiener setzten weiterhin auf Einfallsreichtum & Kreativität, denn selbst das einfachste Kleid machten sie noch gesellschaftsfähig. Gottfried Röhberg, ein hochangesehener und bekannter Modeschöpfer seiner Zeit, brachte die sogenannten „Marienkleider“ auf den Markt, die sich durch einen äußerst sittsamen Schnitt auszeichneten.

1827 war auch das Jahr, in dem „Lithographierte Stoffe“ ihren großen Auftritt hatten. Diese Stoffe definieren sich dadurch, dass sie mittels Steindruck gemustert wurden. Dabei kann es sich sowohl um Schafwoll- als auch Baumwoll- und Seidenstoffe handeln.

En vogue in dieser Modeära waren auch warme, mit Flanell oder Zendeltaffet gefütterte sowie wattierte Seidenkleider. Die Zeit der dicken Wollstoffe kommt erst viel später, denn um 1830 galt es als unfein, für alle Anderen sichtbar, „warm angezogen zu sein“.

Der türkische Schal kommt aus Wien

Aber in Wien hatte man noch ein besonderes As im Ärmel. Das Modenwarengeschäft des sehr rührigen Josef Arthaber, am Stephansplatz gelegen, avanciert zum Hauptexporteur von Wiener Schals und Tücheln. Unternehmer Arthaber macht zu damaliger Zeit schon den echten
indischen Kaschmirschals Konkurrenz, in dem er sich der „quadratischen türkischen Schals“ annimmt.

Fortan gelten die Wiener Schals als die geschmackvollsten in ganz Europa. Besonders der Fabrikant Josef Burde ist es, der alle anderen Modelle in den Schatten stellt, seine Schals sind es, die Biedermeierzeit und die Welt miteinander verbinden. Des Weiteren ist auch die Empirezeit mit ihrer einfarbigen Kleidung daran schuld, dass nach lebhaften Mustern auf den Schals gesucht wird.

Ein Schelm, der jetzt Böses dabei denkt, aber das Wiener Manufakturwesen hat es geschafft, den Spieß einfach umzudrehen. Türkische Käppchen wurden jetzt kurzerhand in Wien genäht, um dann in die Türkei exportiert zu werden. Selbst Kaschmirschals, „Serailtüchern“ und den leichten und billigen „Dreikronentüchern“ erging es nicht anders.

Zu den Wiener Charakteristika gehörte immer schon, dass man sich für alles Fremdländische interessierte. Aus diesem Faible eine Tugend machen? Na klar doch, und es dauerte nicht lange, da spezialisierten sich einige Wiener Schneider auf die orientalischen Nationaltrachten.

Der Herr von Welt trägt fortan daheim türkische Pascha-Outfits, und auch die noble Wiener Dame möchte auf ihren, in raffiniertester Weise geschlungenen Turban auf den Wiener Straßen nicht verzichten. Überhaupt sind die 30-er Jahre dadurch gekennzeichnet, dass die Wienerin unermüdlich damit beschäftigt ist, ständig neue Schlingen & Knoten für ihre orientalische Kopfpracht zu erfinden.

Erste Wiener Modemesse

Schutenhut 18191835 war es endlich so weit, die Erste Wiener Modemesse in der Hofburg öffnete ihre Pforten. Und was gab es nicht alles zu sehen? Medaillen und „ehrenvolle Erwähnungen“ wurden unter anderem an den Wiener Florentinerhutfabrikanten Bicciera, den Schalfabrikanten Burdes und den Crêpe de Chine-Erfinder Hornbostel vergeben.

Auch der erstklassige Handschuhmacher Jacquemar und die Gebrüder Winter, die Erfinder des ersten bedruckten Pikee in Wien, gingen nicht leer aus. Es war also die reinste „Männerwirtschaft“, die hier Einzug hielt. Das sollte sich 1864 ändern, denn in diesem Jahr erhielt Anna Schober als erste Wiener Kleidermacherin den Titel einer „K. K. Hofkleidermacherin“. Fortan galt also auch, Frauen in die Schneiderei!

Diesen Slogan machten sich auch die erfindungsfreudigen Wiener Putzmacherinnen zunutze. Denn für alles, wofür Schneider nicht zuständig waren, setzte man schon seit 1713 die „Weiberleut‘“ ein.

Carl Spitzweg - Sonntagsspaziergang - DetailDie berühmte Alt-Wiener Schute ist ihnen zu verdanken, auch wenn die vorne ausladenden Hutkrempen so manches Mal den Blick auf kokette Damenblicke verstellten. 1846 wurden Hüte aus Krepp kreiert, inklusive dichter Arabesken-Stickerei aus feinem Erbsstroh, die im Ausland für mächtig Furore sorgten, so dass ihnen auch jenseits der österreichischen Grenzen Glück beschert war.

Und seien wir mal ehrlich, die typische Alt-Wiener Schute in Verbindung mit einem winzigen Schirm, die „Marquisen“ genannt wurden, hat doch was – oder?

Was jetzt folgt, ist ein kleiner geschichtlicher Sprung, denn die Märzrevolution 1848 brachte auch das Aus für die Wiener Modenzeitung.

Wiener Mode nach 1900

An die Stelle der Wiener Modenzeitung trat ein französisches Blatt „Iris“, das wiederum im Oktober 1888 vom Journal „Wiener Mode“ abgelöst wurde. Der Einfluss des Jugendstils um die Jahrhundertwende tat das übrige, und schon 1914, nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, ertönte wieder der Ruf „Los von Paris“.

Die Wienerinnen wurden aufgefordert, zum Wiener Jackenkleid zu greifen, einer eleganten Kreation aus Tuch in den Farben Dunkelgrün, Dunkelgrau, Dunkelbraun oder Schwarz. Damals ließen die Wiener Modehäuser in Zusammenarbeit mit der Kunstgewerbeschule das „Neue Wiener Kleid“ entstehen, das sich durch einen taillenlosen Schnitt und einen glockig fallenden Rock definierte.

Die dezente schlichte Eleganz und das abwägende Maßhalten waren und sind die Begleiter der Wiener Mode. Das geschickte „Durchlavieren“ vielleicht sogar eine Reminiszenz an den alten Wahlspruch der Habsburger? „Bella gerant alii, tu felix Austria nube.“ – So viel wie, mögen die anderen die Kriege um Rocklängen, Taillenweite und andere sinnvolle oder sinnlose Modekinkerlitzchen führen, Wien „vermählt“ die Extreme und macht daraus eine tragbare, selbstständige Mode mit eigenem Charisma.

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