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Unsere Tracht & die Macht

Haben Sie Lust auf eine kleine Reise durch 200 Jahre bayerischer Geschichte? Eine Reise, die einerseits zeigen wird, wie Kleidungsstücke zu geschichtsträchtigen Symbolen kultureller Identität werden und diese prägen? Die aber auch andererseits darauf verweist, wie die Tracht im 21. Jahrhundert wieder zu dem wird, was sie ursprünglich war: Eine kleidsame Mode!

Wir kennen sie alle, die Bilder von trachtenmäßig durchgestylten Oktoberfest-Besuchern und ihrem Gaudi auf der Wiesn. Jedes Jahr im Oktober gehen sie um die Welt und sollen genauso wie Trachtenvereine und Prozessionen zeigen, dass in Bayern jahrhundertealte Traditionen bewahrt wurden.

Und auch die Selbstverständlichkeit, mit der jeder gestandene Bayer seine geliebte Lederhose im Schrank hat, soll einmal mehr beweisen, dass im Bayern-Ländle schöne alte Traditionen immer noch mit viel Leben erfüllt sind. Aber wer ein bisschen hinter die Kulissen schaut, dem wird schnell bewusst, dass es sich bei vielen Dingen um relativ junge Traditionen handelt.
Lederhose Tracht Macht

Die Tracht der Wittelsbacher & die Macht

Die alten Wittelsbacher brachten den Stein ins Rollen! Kaum zu glauben, aber wahr: Was wir heute unter „Tracht“ verstehen, hat kaum 150 Jahre hinter sich. Genaugenommen „verdanken“ wir heute den Wittelsbachern unsere Tracht. Die wollten nämlich ihrem neu geschaffenen Königeich eine unverwechselbare Identität geben, sozusagen ein Unikat erschaffen. Deshalb taten sich die klügsten Köpfe zusammen, um schließlich eine Nationaltracht zu kreieren und zu fördern, die zum Symbolwert der Bayern beitrug.

Tipp:  Blumenkränze & Dirndl

Irrtümer & Klischees in der Tracht

Zahlreiche Klischees und Irrtümer „pflastern“ bis heute den Weg der Tracht! Eines dieser Klischees, nämlich dass die Lederhose als Arbeitskleidung diente, ist hinlänglich bekannt, muss aber immer wieder ausgeräumt werden. Die Lederhose fungierte nie als Arbeitskleidung der breiten Masse, sie war sozusagen zu Höherem berufen, zumal sie oft aus edlem Hirschleder gefertigt wurde.

Eine Lederhose stellte das exklusive, teure Kleidungsstück herrschaftlicher Jäger dar. Aber auch Lodenjacke und der Hut des Jägergewandes um 1850 entsprachen keinesfalls der bäuerlichen Arbeitskleidung. Die Jagd war zu diesen Zeiten an den Adelsstand gebunden, und dementsprechend gestaltete sich auch das Outfit. Die Geschichtsschreiber sind sich heute weitestgehend darüber einig, dass dies so gewesen sein muss, denn es gibt zahlreiche Fotos von männlichen Wittelsbachern in Lederhosen. Im Gegensatz dazu fehlen leider fast gänzlich die Bilddokumente,  welche Prinzessinnen im Dirndl zeigen.

Apropos Dirndl, Klischees & Irrtümer ranken sich auch um das Dirndl, das eine Entwicklung des späten 19. Jahrhunderts verkörpert. Das damalige Dirndl war mitnichten das Kleid von Bäuerinnen und Mägden. Vielmehr war es ein modisches Sommerkleid für die Städterinnen, die bevorzugt auf dem Land, die Sommerfrische genossen. In seiner Gestaltung orientierte es sich sehr vage an den Kleidern der Landbevölkerung, wobei die Schürze nur noch dekorative Zwecke erfüllte.

Frühe Filmaufnahmen vom Münchner Oktoberfest machen deutlich, wie unsere Ahnen auf die jährliche Wiesn gingen: Chic & adrett im Sonntagskleid und dunklem Anzug und Krawatte. Frühe Touristen trugen Loden und Lodenkostüme, und das Unternehmen Lodenfrey, namentlich Johann Georg Frey,  nutzte die Gunst der Stunde und brachte den ersten wasserabweisenden Lodenstoff überregional auf den Markt, für den es auf der 1854 stattfindenden Pariser Weltausstellung sogar die Goldmedaille gab.

Instrumentalisierung der Tracht

Die Instrumentalisierung der Tracht nimmt ihren Lauf. Es dauerte nicht lange, und die Bayern hatten das Gefühl einer staatlichen Identität.  Die Zeichen der Zeit brachten es aber auch immer wieder mit sich, dass die Tracht instrumentalisiert wurde. In den frühen 20er-Jahren zogen die Bürgerwehren mit Gamsbart und Lederhose gegen die ungeliebten Kommunisten. Und auch die Monarchisten, die in Weimarer-Republik-Zeiten der bayerischen Eigenstaatlichkeit nachtrauerten, trugen ihr Scherflein bei.

Aber auch die Nationalsozialisten waren nicht besser, sie missbrauchten das Gewand der Bauern für ihre Blut- und Boden-Ideologie. Last but not least wären noch die Nachkriegspolitiker zu erwähnen, die sich mit Hilfe von Janker & Dirndl ein volksnahes Image versprachen.

Aber auch die Bedeutung der Tracht als wichtiger Wirtschaftsfaktor ist nicht zu unterschätzen, denn Fremdenverkehr und einheimische Schneider & Säckler wollten auch ein Stück vom großen Kuchen genießen. Es ist unbestritten, dass die Tracht heute einer boomenden Industrie zuzuschreiben ist, deren bildstarke Gewänder sowohl als Werbeikonen als auch in Bezug auf den Tourismus eine gute Figur machen.
Lederhosen Tradition

Die bayerische Tracht – das Gewand der Heimat

Kulturelle Identität, die bayerische Tracht verkörpert sie wie keine andere und ist darüber hinaus immer noch prägend. Würde man einen Nichtbayern nach seiner gängigen Vorstellung des Blau-Weißen-Landes befragen, so würde es bestimmt darauf hinauslaufen, dass er von Alpen, Bier, Oktoberfest, Lederhosen und Dirndl in den höchsten Tönen schwärmt. Dabei sitzt sowohl der Auswärtige als auch der gemeine Bayer oft einem Irrtum auf, denn beide sind des Öfteren der Ansicht, bei Lederhosen und Dirndl handelt es sich um mehrere Jahrhunderte alte Traditionskleidung. Dass es sich um eine relativ junge Erfindung handelt, versetzt beide oft in Staunen – ein Grund mehr, den roten Faden der Wittelsbacher noch einmal aufnehmen.

Tipp:  Tennengauer Festtracht

Keine andere Region in Deutschland ist der Brauchtum-Pflege und den Traditionen so verpflichtet, wie die Bayern, beides nimmt einen hohen Stellenwert ein. Es ist kaum zu glauben, dass die Bayern bei der Gründung ihres Königreichs im Jahre 1806 weit entfernt von einer gemeinsamen Identität waren – oder? Die alte Weisheit „Zu viele Köche verderben den Brei!“ hatte hier Hochkonjunktur,  denn ungeachtet der unterschiedlichen kulturellen Wurzeln und der sprachlichen und landschaftlichen Unterschiede wurden alle in den sprichwörtlichen einen Topf geworfen. Sprich, Franken, Schwaben, Pfälzer und Bayern wurden „zwangsvereint“.

Das erste Oktoberfest 1810 brachte die Entscheidung, denn Max I. Joseph ließ Kinder und Jugendliche in Trachten erscheinen – sozusagen als Vertreter der verschiedenen Landschaften, die zu Bayern gehört haben. König Maximilian II. ging noch weiter, er schrieb sich als Erstes die Förderung der ländlichen Kleidung auf die Fahnen und symbolisierte diesen Schritt mit einem Erlass.

Den Wittelsbachern war daran gelegen, mit der Verbreitung der Trachten zur Hebung des bayerischen Nationalgefühls beizutragen. Dass es sich dabei eigentlich um eine Phantasiekleidung handelt, die historisch nicht bedingt war, sei nur am Rande erwähnt.  Für die damaligen Untertanen spielte Tracht keine Rolle.

Das 19. Jahrhundert bringt den Trachtenboom

Die Wittelsbacher Adelsfamilie hatte nun ein Nationalgewand erfunden, das zum Symbol für Bayern wurde. Noch heute sind Historiker davon beeindruckt, wie geschickt es doch die Wittelsbacher verstanden haben, ein wahres Branding zu kreieren. Der Markenname kam einem Alleinstellungsmerkmal gleich: Seht her, so sehen Bayern aus!

Eine sehr schlaue Marketingstrategie,  nicht wahr? Und eine, die bis heute funktioniert – oder? Für viele ist der Fakt, dass es die Tracht als solche erst seit dem 19. Jahrhundert geben soll, zwar eine kleine Überraschung. Aber eine, die uns bis heute Tradition in den schönsten Farben zeigt und mit den Majestäten in Lederhosen ihren Anfang nahm.

>>>Finden Sie hier Tipps zum Kauf einer Lederhose.

bayerische Lederhose

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