Die Gailtaler Frauentracht

Die Gailtaler Frauentracht weist viele Elemente aus unterschiedlichen Gegenden auf

Gailtaler Frauentracht Kathrin Fischer

Kathrin in der Gailtaler Frauentracht

Das Kärntner Gailtal liegt im Dreiländereck Österreich, Slowenien und Italien. So spiegelt die Tracht auch die Charakteristika dieser Region wider.

Im Jahr 1348 verursachte ein Erdbeben einen Bergsturz an der Südflanke des Dobratsch. Durch die Gesteinsmassen wurde die Gail aufgestaut und es bildeten sich Sumpfwiesen. Die Mär sagt, dass die Gailtalerinnen wegen dieses sumpfigen Geländes begonnen haben kurze Röcke zu tragen!

Das saure Gras erschwerte den Getreide- und Gemüseanbau, ermöglichte aber die Pferdezucht. Somit verdienten viele Gailtaler von der Mitte des 16. Jhd. bis Ende des 19. Jhd. ihren Lebensunterhalt als Säumer & Fuhrleute und mit dem Warentransport zwischen der Adria (Triest, Venedig), dem Alpenvorland (München, Augsburg) und Tirol.

Von diesen Fahrten brachten die Männer ihren Mädchen Mitbringsel mit, die dann in die Tracht integriert wurden.

Die vielen Farben und bunten Bänder verraten den slawischen Ursprung. Die bunten Kopftücher haben sich aus den italienischen Fazzolletti entwickelt. Der Gürtel stammt aus dem Salzburgischen und weist auch Tiroler Einflüsse auf.

Verbot der Tracht

Diese Tracht mit slawischen Einflüssen war Kaiserin Maria Theresia wegen des kurzen Rocks zu lasziv und zu unzüchtig. Darum hat sie der Gailtaler Frauentracht eine Keuschheitskur verordnet. Sie verbot das Tragen der Tracht in dieser Form sogar per kaiserlichem Dekret!

Die Gailtalerinnen waren jedoch findig und nähten einfach eine 5 cm breite grüne Borte an den Saum ihrer Röcke. Für sie war die Angelegenheit damit erledigt.

Erste Beschreibungen der Tracht gibt es ab Mitte des 18. Jhd. Weil das Gailtal ein zweisprachiges Gebiet ist, in dem viele Kärntner Slowenen zuhause waren und sind, haben alle Trachtenbestandteile auch eine „windische“ Bezeichnung.

Die Elemente der Gailtaler Frauentracht kurz zusammengefasst

  • ein Leibkittel (ras): Der Leibkittel besteht aus einem Rock und einem Miederteil. Die Teile werden in der Taille zusammengenäht und vorne offen und mit Bändern zusammengebunden. Das ärmellose Mieder ist aus glattem, geblumten oder gemustertem Samt, der Rock ist aus plissiertem (in Falten gelegtem) Reinwollfresko in Rot, Schwarz, Blau oder Braun und wird am Saum mit einer grünen Borte abgeschlossen.
  • Schürzen (vurtach): Die glatte und mit Spitzen eingesäumte schwarze Schürze wird unter der bunten, plissierten Schürze getragen. Nicht jede Tracht verfügt über schwarze Schürze.
  • eine gestärkte Bluse (vajspat): Die weiße Bluse hat lange, weitbauschige Ärmel, spitzenbesetzte Ärmelbündchen und einen auffälligen v-förmigen gefältelten Kragen („Kreaschl“). Die Ärmel der Bluse werden ebenfalls gestärkt und die Falten des Kragens werden mithilfe von Zuckerwasser gelegt. 
  • dicke weiße Strümpfe – die sogenannten „Zipflstutzen“ mit Strumpfbändern (stumpfe/pantelne): Die gestrickten weißen Zipfelstrümpfe haben ein Noppenmuster und sollen die Waden der Trägerinnen hervorheben. Etwa zwei Fingerbreit unter dem Knie werden die roten Strumpfbänder getragen.
  • eine knielange Unterhose (hvače): Die Unterhose aus weißer Baumwolle und mit spitzenbesetzten Beinenden reicht bis zum Knieansatz.
  • ein Unterrock (rajuz): Der Anstandsrock – dabei handelt es sich um einen engen Unterrock (der 1. von 2 Unterröcken) aus weißer Baumwolle, der verhindern soll, dass man beim Tanzen das Unterzeug sieht.
  • ein zweiter Unterrock (unterfad): Der weite Unterrock (der 2. von 2 Unterröcken) besteht aus weißen Leinen und misst 12 Meter im Volant. Durch das Stärken und Bügeln entsteht die charakteristische, ausladende Form des Rockes.
  • ein buntes Kopftuch und ein buntes Brusttuch (peznetl, faznetl): Das Brust- und Kopftuch besteht aus Wolle oder Seide und hat Fransen. Das Brusttuch wird mit einer Brosche an der Bluse bzw. am Kittel befestigt. An der Vorderseite verdeckt das Brusttuch die Verschnürungen des Unterrocks und des Leibkittels sowie den oberen Saum der Schürzen. Anstatt des Kopftuches wurde früher die in Falten gelegte weiße „Pintlhaube“ getragen.
  • ein Gürtel (pas): Der Gürtel ist aus Leder und mit aufwändiger Federkielstickerei verziert. Die meisten Gürtel haben das Erzeugungsjahr sowie Blumen- und Pflanzensymbole eingestickt.
  • vielfarbige, bunte Bänder: Am Metallring des Gürtels sind bunte Seidenbänder befestigt, die bis zum Rockende reichen. Bei manchen Gürteln hängt am Metallring noch ein ebenfalls federkielbestickter, langer Lederriemen – die „Betschaft“. Diesen bekam die Braut zur Hochzeit geschenkt und galt als Symbol der Übergabe der Hausfrauenrolle.
  • schwarze, bestickte Stiefel (čriefle): Die Schnürstiefel mit einem ca. 2 cm hohen Absatz reichen bis zum Wadenansatz, sind aus schwarzem Rau- und Glattleder bzw. Loden gefertigt und mit weißen Stickereien verziert.

Auffallend typisch für das „Bandlg’wand“ der Gailtaler Frauentracht ist der händisch plissierte Rock mit grünem Saum und die ebenfalls plissierte Schürze, der Unterrock, die „Zipflstutzen“ mit rotem Strumpfband, der bestickte Gürtel und die Stiefel. Beim Unterrock werden gut 12 Meter Baumwolle oder Leinen verarbeitet, damit das Mitschwingen des Rocks ermöglicht wird. Darunter trägt die Gailtalerin eine knielange Unterhose.

Das Wort „Bandlgwand“ kommt daher, dass es keine Knöpfe oder Ösen gibt, sondern alle Kleidungsbestandteile zusammengebunden werden. Das war so, damit die Tracht auch von fülligeren Frauen getragen werden konnte, wenn sie weitervererbt wurde.

Durch die vielen Teile kann das Anziehen der Gailtaler Tracht von 30 Minuten bis hin zu einer Stunde dauern!

Wichtiges für das richtige Tragen der Gailtaler Frauentracht

Die Haare müssen vom Kopftuch nicht vollständig verdeckt sein, sie sollten aber nicht offen getragen werden. Zöpfe können mit roten Maschen zusammengebunden werden.
Verzichten Sie auf zu starkes Make-Up! Vor allem Lidschatten, bunter Nagellack und auffälliger Lippenstift werden nicht gern gesehen. Schmuck sollte auch passend und dezent sein.
Das „Herzeigen der Unterröcke“ bei Fotos soll dezent sein und nicht allzu tiefe Einblicke gewähren.

Das richtige Verwahren der Tracht

Nicht nur das Anziehen ist zeitaufwendig, sondern auch das Verwahren der Tracht!

Davor

Der Volant des weiten Unterrocks wird mit Reisstärke gestärkt, gebügelt und in bauchige Falten gelegt. Die Ärmel und Ärmelbündchen der Bluse werden ebenfalls mit Reisstärke gestärkt, der Kragen der Bluse wird mit Zuckerwasser in Falten gelegt. Die gestärkten Teile sind sehr feuchtigkeitsanfällig, deshalb sollten sie bis zum Anziehen in einem möglichst trockenen Umfeld gelagert werden. Unterhose und Anstandsrock sowie die Tücher werden gebügelt, die Schuhe geputzt.

Unterwegs

Sicherheitsnadeln werden zur Fixierung der Falten bei den plissierten Teilen im Fall von Nässeeinwirkung benötigt. Falls es zu regnent beginnt, wird zum Schutz ein transparenter Plastikponcho übergezogen.

Danach

Die „weißen“ Teile in der Waschmaschine bei 60° ohne Weichspüler waschen (Strümpfe: Wollprogramm oder Handwäsche). Den gestärkten Unterrock nicht mit Gewalt in die Waschmaschine quetschen, sonst bricht der Stoff, sondern mit ein wenig Wasser abbrausen. Dadurch verliert der Stoff die Festigkeit und lässt sich leichter zusammendrücken.

Der Leibkittel wird ausgelüftet, eventuelle Schmutzrückstände werden vorsichtig ausgebürstet.

Die Falten der plissierten Teile (Leibkittel und bunte Schürze) müssen mit einem Heftfaden vernäht werden, damit sie ihre Form behalten. Hierfür wird der Faden horizontal durch jede einzelne Falte gezogen. Diese Prozedur wird an mindestens zwei Stellen durchgeführt am besten in der Mitte und unten am Saum. Wurden die plissierten Teile nass, müssen eventuell die Falten neu gelegt werden.

 

Bildnachweis: Pleamle Magazin, Kathrin Fischer
Quellen: Marija Makarovič/Jana Dolenc: Die slowenische Volkstracht in Wort und Bild. Fünfter Band: Das Gailtal. Ljubljana 1992. Katja Sturm-Schnabl/Bojan-Ilija Schnabl: Enzyklopädie der slowenischen Sprache und Literatur in Kärnten/Koroška. Von den Anfängen bis 1942. Böhlau, Wien 2016.

Wir danken Kathrin Fischer für die Unterstützung bei der Recherche!

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