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Das große Wolfauslassen

Auf nach Rinchnach! Die Hochburg der Wolfauslasser wartet auf sie!

Das große Wolfauslassen – ein Brauchtumsspektakel

Das große Wolfauslassen ist ein Brauchtumsspektakel der besonderen Art. Es findet alljährlich am 10. November statt.

Den 10. November eines jeden Jahres sollten sie sich wirklich in ihrem Kalender ankreuzen, denn dann wird in Rinchnach traditionelles Brauchtum schier unbeschreiblich und weltweit einzigartig gelebt.

Kein Wunder , dass es jedes Jahr tausende Zuschauer in den beschaulichen Ort zieht, die alles hautnah miterleben möchten. Immerhin darf Rinchnach von sich behaupten, seit 2009 Weltrekordhalter im Wolfauslassen zu sein. Aber was gibt es hier eigentlich mitzuerleben?

Zu früheren Zeiten haben die Hirten den Kühen große Glocken um den Hals geschnallt, um Bären, Wölfe und andere Raubtiere von ihren Weiden fernzuhalten. Aber das „Gebimmle“ diente nicht nur diesem einen Zweck, sondern half auch, verlorene Tiere leichter wiederzufinden.

Dieser Brauch hat sich erfolgreich bis in die heutige Zeit „gerettet“, denn vereinzelt werden immer noch Kuhglocken verwendet. Es war auch nicht unüblich, dass der Hirte von Zeit zu Zeit mit seiner „Goaßel“ geschnalzt hat, um tierische Störenfriede abzuschrecken.

Der Spätherbst brachte es mit sich, dass die Kühe in die Stallungen getrieben wurden. Jetzt übernahmen die Bauern und Knechte der einzelnen Höfe den Job der Kühe, indem sie sich die Kuhglocken selbst umschnallten und kräftig läuteten.

Das hatte den Effekt, dass zum einen die Wölfe und Bären vom Gehöft ferngehalten wurden und zum anderen, haben sie so ihrer Freude über eine gelungene Ernte und den verlustlosen Weideaufenthalt der Kühe Ausdruck verliehen.

Es gibt aber auch ganz andere Hypothesen. Diese gehen davon aus, dass in der Frühzeit des Wolfauslassens dieses Procedere der Dämonen-Abwehr gegolten haben könnte. Es ist zwar nicht bewiesen, aber es wird davon ausgegangen, weil sich der Glaube an die Finsteren Mächte in den riesigen Waldgebieten des Bayerischen Waldes sehr lange gehalten hat.

Wolfauslassen heute & Goaßlschnalzen

In der heutigen Zeit werden keine Bären und Wölfe mehr gefürchtet, aber die Rinchnacher sind besonders stolz darauf, dass diese Erinnerung an die gute alte Zeit weiter Bestand hat und durch das traditionelle Wolfauslassen am 10. November eines jeden Jahres aufrecht erhalten wird.

Es geht bereits Mitte September los, dann nämlich steht das Training für das Goaßelschnalzen, hochdeutsch Geißelschnalzen, an. Sie wissen nicht, was das bedeutet und was eine Goaßel ist? Kein Problem, hier kommt die Definition:

Man nehme einen ca. 30 cm langen Stock und ein Gehänge, an dem ein 2,5 bis 5,5 Meter langer Strick angebracht wird, der beim Stock bis zu 8 cm Durchmesser hat und zur Spitze hin immer dünner wird. Nun wird am dünnen Ende ein sogenannter Vorhauer mit einer Länge von ca. 1 Meter angebracht, der, wie der Strick, zur Spitze hin immer dünner wird. Die Stricke werden übrigens aus Hanf geflochten.

Schlussendlich bildet das „Schnürl“ schließlich die Spitze, das Teil an der Hanfgoaßel, das beim Schnalzen mit einem lauten Knall von sich reden macht , allerdings aber nur ein paar Mal verwendet werden kann.

Das Schnürl weist eine Länge von ca. 30 cm auf und ähnelt einem kleinen gelben Pferdeschweif.

Früher wurde die Goaßel mit Wagenschmiere eingefettet, um anschließend in feinen, feuchten Sand gelegt zu werden, damit sie besonders schwer & geschmeidig wurde. Auf diese Weise stand dann nämlich einem lauten Schnalz- und Knalleffekt nichts mehr im Wege.

Wer ist nun heute der Wolf beim Wolfauslassen?

Aber, alles will trainiert sein! Und so beginnt man früh damit, um beim Wolfauslassen keine Fehler zu begehen. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass die Goaßelschnalzer ebenfalls zum „Wolf“ gehören, denn als „Wolf“ wird die ganze Gruppe bezeichnet.

Eine Gruppe, die beim Wolfauslassen ihr Unwesen treibt und aus dem Hirten, den Burschen, welche die Glocken läuten, und den Goaßelschnalzern besteht.

Letztgenannte treten oft in Gruppen von drei bis maximal fünf Personen auf, um, in einer Reihe aufgestellt, im jeweiligen Takt zu schnalzen. Dann geht es um Ruhm & Ehre, denn wer den sogenannten „Fünfer“ so perfekt beherrscht, dass der Abstand zwischen den Goaßelknallern ziemlich gleich ist, der gehört zur absoluten Elite der Goaßelschnalzer.

Junge Burschen, aber auch ältere Männer sind ganz versessen darauf, sich am vereinbarten Treffpunkt ihre Glocken um die Hüften zu schnallen, um sich dann in 3-er oder 4-er Reihen aufzustellen.

Der Hirte, der unangefochtene Chef der Gruppe, steht dann mit seinem kunstvoll verzierten Hirtenstecken an der Spitze des „Wolfes“, um diese lautstark anzuführen. Mit dem Schrei „Buam hat’s oidsamt do (der Wolf antwortet laut „Ja“) geht koana mehr o („Na“) dann riegeld’s enk“, geht es endlich los.

Daraufhin beugen sich die Wolfauslasser vor und schütteln ihre Glocken schnell hin & her, was man wiederum „riegeln“ nennt. Dieses Schauspiel hält an, bis der Hirte seinen Stock hebt und damit den Takt für das Geläut vorgibt.

Jetzt geht es von Haus zu Haus, und der Wolf marschiert hinter seinem Hirten her. Die „Meute“ lässt es sich dann nicht nehmen, vor jeder Haustür so kräftig zu läuten, bis der Hausherr endlich die Tür öffnet.

Daraufhin hebt der Hirte seinen Stock, um den Befehl zum Aufhören des Geläutes zu geben. Jetzt muss es „mucksmäuschenstill“ sein, damit der Hirte seinen Hirtenspruch aufsagen kann. Von diesen gibt es allerdings mehrere, und je nach Lust und Laune wird ausgewählt.

Im Anschluss riegelt sich der Wolf wieder, und der Hausherr drückt dem Hirten ein Geldstück oder einen Geldschein in die Hand. Zu früheren Zeit war es üblich, das Bitten mit Speisen und Getränken zu belohnen.
Jetzt bedankt sich der Hirte, um anschließend den „Wolf“ noch einmal kräftig läuten zu lassen. Jetzt geht es weiter zum nächsten Haus & Hof.

Zwischen den einzelnen Stationen zeigen die Goaßlschnalzer immer wieder ihr Können und schicken wahre Knallkonzerte durch die Spätherbstnacht. Ist es endlich geschafft, und das ganze Dorf ist „abgeerntet“, die Geldbörse des „Wolfes“ ist voll, geht es zur Stärkung in das örtliche Wirtshaus.

Aber Frauen keine Angst, schon nach einer Maß Bier oder nichtalkoholischen Getränken sowie einer zünftigen Brotzeit geht es gleich weiter, denn der „Wolf“ muss sich ja
auch noch den Gästen im Wirtshaus präsentieren – oder?

Am Abend vor Martini geht es Punkt 18 Uhr ins „Klouster“. Hier wiederholt sich das ganze Procedere von vorne, einschließlich des Befehls des Hirten zum Aufbruch. Der „Wolf“ nimmt Beschlag von der Dorfstraße und die Goaßlschnalzer zeigen ihr Können ein letztes Mal im eigenen Dorf. Der anschließende Marsch der „Wölfe“ endet nach zwei bis drei Kilometern in Rinchnach.

Hier wartet schon eine größere Menschenmenge auf dem Dorfplatz, und die Hirten sind bemüht, mit „ihrem Wolf“ einen guten Eindruck zu hinterlassen, denn es soll ja auch ein spielerischer Konkurrenzkampf ausgefochten werden.

Aber es geht nicht um „Größer, höher, weiter“, sondern um den wohlklingendsten oder lautesten „Wolf – kurzum den „besten Wolf“. Das Lob der Außenstehenden wird besonders hoch
gewertet. Diese eindrucksvolle Zeremonie endet, indem die Gasthäuser und Säle im Klosterort abgeläutet werden.

„Gewollt“ kommt es dann zu Rangeleien und Duellen mit anderen Wölfen, die darin münden, dass oft zwei Stunden und länger ohne Unterbrechung „gegeneinander“ geläutet wird. Ein schnellerer Rhythmus ist dabei nicht von Nachteil, aber der Begriff „Geläut“ fehl am Platze, denn in Wirklichkeit handelt es sich um ein Höllenspektakel, bei dem ein unvorstellbarer Lärm entsteht.

Bild: BO-stockphoto – stock.adobe.com

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